Bernard Delpal

Der zivilgesellschaftliche Widerstand im Landkreis von Dieulefit

   

In einem Punkt sind sich alle Zeitzeugen einig: Der Kanton Dieulefit hat zwischen dem Spanischen Bürgerkrieg und dem Waffenstillstand von 1945 eine große Zahl von Flücht-lingen aufgenommen. Nicht ein Einziger von ihnen ist verhaftet, gefoltert oder de-portiert worden.

 

Alle, die sich hierher geflüchtet hatten, um sich in Sicherheit zu bringen, und die bis 1944 oder 1945 geblieben sind, sind unversehrt geblieben, mit Ausnahme derer, die eines natürlichen oder eines Unfalltodes gestorben sind. Wie lässt es sich erklären, dass dieses „kleine Land“ es erreicht hat, sowohl seine Retter als auch seine Geretteten zu schützen? Einen ersten Grund findet man in den deutschen Militärarchiven: Die Gegend wurde von den Besatzungskräften zu keiner Zeit als strategisch wichtig eingestuft, obgleich sie „in einem der am stärksten von den Widerstandskräften verseuchten Départements“ liegt. Wenn der Landkreis von Dieulefit keine deutsche Intervention erfahren hat, dann ist das im militärischen Sinne zwei Umständen zu verdanken: Einerseits hat die Wehrmacht der Absicherung des Rhône-Tals, der unverzichtbaren Transportachse, absolute Priorität gegeben; andererseits wurde im Landkreis von Dieulefit, obwohl dort ein Widerstandsnetz etabliert worden war (vor allem FTP), keinerlei Sabotage oder Attentat gegen die Besatzer durchgeführt, ein Fakt, der ihm die Repressalien erspart hat, von dem etliche benachbarte Orte heimgesucht worden sind.

Wer sind die Flüchtlinge, die hier eine feste Zuflucht suchten oder auch nur eine Atempause vor dem Aufbruch zu anderen Zielen? Die ersten kamen während des Spanischen Bürgerkrieges, vor allem nach dem Fall Barcelonas und Madrids. Die dem Front Populaire zugehörigen Stadtverordneten erleichterten ihre Aufnahme. Später, nach dem Münchner Abkommen, kamen diejenigen, die der Anschluss verängstigte, zahlreiche weitere nach der „Kristallnacht“. Die Entwicklung setzt sich fort während des „seltsamen Krieges“ (der stagnierenden deutsch-französischen Front in der ersten Kriegsphase nach dem Überfall auf Polen). Unter den ausländischen Flüchtlingen sind die ersten Franzosen.

Der Zusammenbruch von 1940 hat die Ankunft einer Flüchtlingsflut zur Folge, im Landkreis und im ganzen Département. Die Gemeindesekretärin Jeannette Barnier schätzte, dass im Verlauf des Sommers 1940 etwa 1500 Personen als Flüchtlinge in den Landkreis kamen. Nicht alle blieben. Diejenigen, die sich hier in Sicherheit fühlten und geblieben sind, waren jedoch zahlreich, vor allem waren es ausländische Juden, die nicht wussten, wohin, und die jegliche Rückkehr in die besetzte Zone ausschlossen, aber auch Elsässer und Lothringer waren darunter. Nach dem Erlass der ersten antisemitischen Verordnungen am 3. Oktober 1940 und nach dem Treffen von Montoire nimmt der Landkreis eine neue Welle von Ankömmlingen auf, unter ihnen französische Juden aus der nördlichen Zone, ganze Familien aber auch Kinder ohne ihre Eltern, ferner Oppositionelle, die sich gegen die Kollaboration und die fortlaufende Verhärtung der Vichy-Regierung wandten. Unter ihnen finden sich auch Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler, Journalisten; einige von ihnen sind sehr bekannt.

 

1988, mehr als vierzig Jahre später, haben die noch lebenden Zeugen dem Mikrophon von Michel Schilovitz (der zu den geretteten Kindern von Beauvallon gehört) erneut ihre Dankbarkeit anvertraut. Aber sie haben auch eine andere Empfindung geäußert: das Glück, hier Jahre verbracht zu haben, im Kontakt mit der Bevölkerung und in diesem ländlichen Milieu, und darin wieder Hoffnung auf den Menschen und die Gesellschaft gefunden zu haben. Sie hatten das Böse gesehen. Sie sind dem Guten begegnet. Sie waren von Angst besetzt und sie wurden durch den Widerstand des gesamten Umfeldes gestärkt. Emmanuel Mounier ruft 1945 in einem Brief in Erinnerung, dass die von dem Ehepaar Dourson geleitete Pension von Beauvallon, seine Zuflucht wurde, er erinnert an die mutige Gastfreundschaft, die sie den zahlreichen Flüchtlingen gewährten und preist schließlich „diesen tausendfachen Widerstand, der ein Bollwerk der Zivilisation war“. Darin sind sich alle Zeugen einig: Hier hat man sich nicht darauf beschränkt, Illegale zu verstecken, man hat menschliche Wesen in Empfang genommen, jeder war dem anderen der Nächste, um die schöne Formulierung von Samuel Abramovitsch aufzunehmen. Die allermeisten Flüchtlinge waren jedoch keine bekannten Intellektuellen oder berühmten Künstler. Vier Strukturen organisierten ihre Aufnahme:

 

- das Netz der schulischen Institutionen

- das Netz der Gesundheitszentren

- die konfessionellen und politischen Netzwerke

- das Netzwerk von Entscheidungsträgern einschließlich der öffentlichen Dienste.

 

Der Gesundheitsbereich hat auf sehr diskrete und effiziente Weise funktioniert. Die in der Vorkriegszeit entwickelte Infrastruktur im Bereich des Klimatismus und Tourismus sollte einen großen Teil der Neuankömmlinge aufnehmen. In den Pensionen und den Ruhe- und Erholungsheimen, in den Hotels garnis, in Ferienwohnungen und Fremdenzimmern mischen sich die Stammgäste problemlos mit den Unbekannten und „Neuen“. Das medizinische Personal spielt mit. 1944 kommen die örtlichen Ärzte, Dr. Préault und Dr. Deransart, verletzten Partisanen und insbesondere den Kämpfern des Vercors zu Hilfe.

Viele Widerstandsaktionen gegen die schrecklichen Gesetze Vichys und die Zumutungen der Besatzer wären gescheitert, hätten sie nicht vom Engagement und der Unterstützung zahlreicher Personen profitiert, die entscheidende Funktionen im öffentlichen Dienst besetzten oder signifikante Entscheidungsbefugnisse innehatten. Die Gemeindesekretärin Jeannette Barnier hat Hunderte von Lebensmittelmarken, Kleiderkarten und „echte“ falsche Papiere für die Flüchtlinge erstellt, und zwar in enger Kooperation mit der Schule von Beauvallon und der stummen, passiven und doch sehr deutlichen Mitwisserschaft des Bürgermeisters. Der Unter-Präfekt in Nyons deckte diese Aktivitäten. Die Gendarmerie-Brigade unter ihrem Leiter Cesmat hatte sicher genaue Kenntnis der Situation der Illegalen und Untergetauchten und schützte, trotz der Abgabe vieler Loyalitäts-Erklärungen für Vichy, die Verdächtigen und die bedrohten Personen (laut den Berichten von Hannah Klopstock, Henri und Georges Springer und Jeanne Barnier).

Die komplexen Netzwerke des konfessionellen und politischen Sektors haben im Landkreis von Dieulefit eine entscheidende Rolle gespielt. Prof. Patrick Cabanel und andere haben die außerordentliche Nähe zwischen Protestanten und Juden in Frankreich erforscht und beschrieben. Die protestantischen Kirchen, die Pastoren, die bekannten protestantischen Persönlichkeiten wurden in den finsteren Zeiten natürlich von den jüdischen Organisationen (so auch von der O.S.E.) aufgesucht und um Hilfe ersucht. So ist es nicht erstaunlich, dass von den fünfzehn „Gerechten“ aus Dieulefit, die von Yad Vashem geehrt wurden, neun Protestanten sind, eine Überzahl, die keine Entsprechung im realen demographischen Status dieser Religions-gemeinschaft im Landkreis hat.

Verführt von der Unterstützung durch Vichy, bewies hingegen die katholische Kirche in Frankreich eine Loyalität zum Regime, die einer zunehmenden Zahl von Gläubigen unerträglich wurde, darunter den Jesuiten von Lyon, den Priestern in den Maquis und vielen verunsicherten Anhängern. Dies hatte zur Folge, dass die Formen des Engagements individuell gewählt und damit besonders risikoreich waren. Priester wie der Abbé Magnet oder der Abbé Bel von Vesc unterstützen die Camps im Maquis, schützen die Flüchtlinge, geben Juden Taufscheine aus; sie riskieren damit ihre Verhaftung von politischer Seite und Suspendierungen oder gar Verbote von Seiten ihres Bischoffs.

Eine Rolle erster Ordnung spielte auch das kommunistische Netzwerk, gestützt auf seine Parteimitglieder, seine Sympathisanten und „Wegbegleiter“. Marguerite Soubeyran, deren Überzeugung von vor ihrem Parteieintritt datiert, und ihre nahen Freundinnen Léonie Brunel und Thérèse Robert, konnten die im Landkreis bereits bestehende kommunistische Verwurzelung sowohl nutzen als auch sogar verstärken. Zu Beginn bestand ihr Handeln darin, spanische Republikaner zu verstecken, dann Kommunisten, einheimische oder aus dem Ausland – wie Henri Haillus –, die wiederum andere Flüchtlinge versteckten in einer ununterbrochenen Kette der Solidarität.

So waren in Comps unter dem Decknamen „Bauer“ zwei wichtige Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands, Hermann Nuding und Ella Rumpf, versteckt, dies mit der Unterstützung des Abbé Bel und der tätigen Hilfe der zahlreichen Kommunisten von Vesc, die bezeichnenderweise sowohl aus katholischen als auch aus protestantischen Familien stammten. Im Übrigen kann man insbesondere aus der Funktionsweise des kommunistischen Netzes die wechselseitige Verstärkung des Widerstandes des Ortes Dieulefit und seines Umlands am deutlichsten ablesen, gleichgültig, ob es um die Sicherheit gefährdeter Personen ging, um die Versorgung mit Lebensmitteln, um menschliche Solidarität. Es haben vor allem die Kommunisten den „Fluss“, die Verbindung zwischen dem geistigen und sozialen Widerstand und dem bewaffneten Kampf des Maquis gewährleistet. Zahlreiche Jugendliche aus den Schulen von Beauvallon und der Roseraie, Juden oder nicht, fanden durch Vermittlung von Marguerite Soubeyran und der Partei den Weg zu den Maquis der FTP. Das traf zum Beispiel auf die Zwillingsbrüder Henri und Georges Springer aus Deutschland zu, die zu Beginn der Okkupation mit ihren Eltern im Ort eintrafen.

 

 

Die Bedeutung der Geschichte des „anderen Widerstands“ im lokalen und europäischen Rahmen

Der Landkreis von Dieulefit zeichnete sich aus durch den Umfang und die Effizienz seines Widerstandes gegen die Unmenschlichkeit, die sowohl von den Nazi-Besatzern als auch vom Vichy-Regime propagiert wurde. Indem der Landkreis sie aufnahm, hat er in jenen wieder Vertrauen geweckt, die hier ihre Zuflucht suchten, seien sie Intellektuelle oder nicht, Erwachsene oder Kinder, Franzosen oder Ausländer.

Die wegen ihrer Menschlichkeit und ihrer Effizienz bemerkenswerten Rettungsaktionen wurden ermöglicht durch eine Kette der Solidarität ohne jede Schwachstelle. Es gab Denunziationen, schwarze Schafe, natürlich gab es sie. Aber, wie Pater Henri Springer SJ später bezeugte, waren es die Atmosphäre des Ortes und seine ethische Homogenität, die alle Schurkereien scheitern ließ. Mehrere Zeugen haben bestätigt, dass man im Landkreis niemals Angst hatte und dass die Bevölkerung, bis auf wenige Ausnahmen, die wahren Namen und die wahre Identität der Aufgenommenen kannte. Für Pater Henri war die bemerkenswerteste Folge des solidarischen, unbewaffneten Widerstands: Er hat die Angst scheitern lassen an einem „Klima der Nicht-Angst.“

Im Augenblick der Befreiung und später angesichts der Flut tragischer Bilder Ende 1944 und 1945 konnten die Geretteten von Dieulefit ermessen, welch außerordentliche Ausnahmesituation sie durchlebt hatten. Sie waren nicht nur gerettet worden, sondern oft hatten sie auch Freunde gefunden, eine Familie. Zehn, zwanzig, vierzig Jahre später haben die Beziehungen zwischen Geretteten und Rettern immer noch Bestand.

Die Weitläufigkeit und die soziale Vielfalt des Zufluchtsgebietes haben dazu beigetragen, seine Sicherheit zu festigen. Diese Tatsache erschwert die Aufgabe des Historikers, der heute, siebzig Jahre später, die Vielfältigkeit der Solidarität und ihre Orte rekonstruieren will. Aber diese Vielfältigkeit ist so etwas wie das Markenzeichen von Dieulefit: Jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ist man weit davon entfernt, alle Familien, alle Häuser, alle Bauernhöfe zu kennen, die Flüchtlinge aufgenommen haben.

Und doch sind all diese Akteure, ob vergessen oder fast unsichtbar in ihrer Diskretion, Teil der Geschichte, wie es Simone Veil in ihrem bemerkenswerten Vortrag zu Ehren der „Gerechten“ im Panthéon formuliert hat:

„ In der Mehrzahl wart Ihr „gewöhnliche“ Franzosen. Städter oder vom Lande, Atheisten oder Gläubige, jung oder alt, reich oder arm, Ihr habt diese Familien aufgenommen, den Erwachsenen Mut zugesprochen und den Kindern Zärtlichkeit gegeben. Ihr habt Eurem Herzen gemäß gehandelt, weil die Bedrohung, die über ihnen kreiste, Euch unerträglich war. Ihr seid einer ungeschriebenen Forderung nachgegangen, die alles andere überwog. Ihr habt nicht den Ruhm gesucht. Darum seid Ihr der Ehrung umso würdiger. […]

Die „Gerechten“ Frankreichs meinten die Geschichte bloß durchschritten zu haben. In Wirklichkeit haben sie sie geschrieben. Von allen Stimmen des Krieges war ihre Stimme am wenigsten zu hören, kaum ein Murmeln, das man ihnen oft sogar abnötigen musste. Es wurde Zeit, dass wir ihnen zuhören. Es wurde Zeit, dass wir ihnen unsere Dankbarkeit bezeugen.“

 

Obgleich er in seinen Ergebnissen außerordentlich ist, ist der waffenlose Widerstand in Dieulefit nicht einmalig. Man findet andere Beispiele in Frankreich und Europa, in Bulgarien, Dänemark, Italien oder sogar im Herzen Berlins. Die Ereignisse, die man dem „anderen Widerstand“ zuordnet, sind noch sehr unzureichend erforscht, und sei es nur, weil sie weniger historische Spuren hinterlassen haben als die klassischen Widerstandsformen. Die „stillen Helden“ verspäten sich auf dem Weg, ihren Platz in der Geschichte von 1933–1945 zu finden. Indessen ist diese „andere Geschichte“ unverzichtbar für unser Wissen über eine Gesellschaft im Krieg. Wie reagiert eine Gesellschaft angesichts des Totalitarismus, wie verteidigt sich der von Terror und Gewalt zerstörte „Sozialkörper“, wie füllt er die durch den Rassismus aufgerissenen Abgründe auf, wie gelingt es ihm, „mit nackten Händen“ die kriminellen Pläne eines Staates oder einer Partei scheitern zu lassen? Die vergleichende Forschung geographisch und historisch unterschiedlicher Situationen während des Zweiten Weltkrieges verspricht außerordentlich fruchtbar zu werden.