Vom Scheitern eines anberaumten Massenmordes: Bulgarien

 

Sucht man nach Beispielen von „Best Practice“ in der Geschichte kommt man um Bulgarien in den 30er und 40er Jahren nicht herum. Warum? Das geht nicht ohne Schilderung des Vorlaufs dieser einmaligen zivilgesellschaftlichen Bewährung Bulgariens:                                                          

Nach einem Staats-Coup im Jahre 1934, der eine noch umfassendere Machtkonzentration in die Hände des Zaren Boris III zur Folge hatte, setzten die danach von ihm (der sich als ein Bewunderer und „Freund“ Adolf Hitlers bezeichnete) eingesetzten autoritären Regierungen konsekutiv die noch verbliebenen demokratischen Rechte und Traditionen außer Kraft. Sie kriminalisieren politische Opponenten und nehmen sie in Haft. Man positioniert sich unter die mit dem Naziregime sympathisierenden Staaten. Die jüdischen Bulgaren werden Ziel diskriminierender Zuschreibungen und schmerzhafter Ausgrenzungen. Diese Politik findet 1940 ihren ersten Höhepunkt mit der Annahme des „Gesetzes zum Schutze der Nation“, das Geist und Buchstaben der Nürnberger Gesetze nachvollzieht. Die jüdischen Bulgaren unterliegen daraufhin vielen weiteren Diskriminierungen und dem täglichen massiven Bruch ihrer Menschen- und Bürgerrechte: Enteignungen, Berufsverbote, Verlust von Aufenthalts- und Wohnrechten, Verlust politischer und gesellschaftlicher Partizipationsrechte, Zwangsarbeit. Sie erleiden die Übergriffe der Polizei- und Justizbehörden und die Brutalität SA-kompatibler Horden. Die Männer werden in Arbeitslagern interniert, wo man sie vor allem im Rahmen von staatlichen Straßenbau-Vorhaben ausbeutet.

 

Unter den vielen in diesen Jahren geschlossenen bulgarisch-deutschen Verträgen findet sich bald ein Abkommen, das die Deportation in die Vernichtungslager in Polen vorsieht, sowohl der jüdischen Bulgaren als auch der sich in Bulgarien aufhaltenden ausländischen Juden. Die Kooperation mit Nazideutschland greift weiter: bulgarische Armeeverbände folgen zeitnah den Invasionen der Wehrmacht in die Nachbarländer nach, so in Thrakien (griechisches Staatsgebiet) und Mazedonien (jugoslawisches Staatsgebiet) und im Einverständnis mit den Invasoren annektieren sie de facto diese Gebiete, die nunmehr unter bulgarischer Verwaltung stehen. Im Gegensatz zu den anderen Bevölkerungsgruppen dieser Regionen wird den dortigen Juden eine Übernahme in die bulgarische Staatsangehörigkeit verwehrt. Dies macht sie zu vollends rechtlosen, weil staatenlosen Menschen. Danach setzt die bulgarische Besatzungsmacht die Deportation aller dort lebenden Juden nach Auschwitz und Treblinka um, den designierten Orten des Massenmordes. Nur 5% dieser Deportierten überlebt. Die finstere Entschlossenheit mit der die mit Hitler-Deutschland vereinbarten Pläne umgesetzt wurden, macht die Mitverantwortung Bulgariens und seines Souveräns unabweisbar.

 

Innerhalb der regelrechten Grenzen Bulgariens spitzt sich die Situation 1943 noch einmal dramatisch zu. Man tritt nun im bulgarischen Kernland selbst in die hochakute Phase der Genozid-Pläne ein. Jedoch, obwohl all das getan wird was sich in vielen anderen Ländern „bewährt“ hatte zur Realisierung derartiger Pläne, sind diese in Bulgarien letztendlich nicht durchsetzbar: der bulgarischen Zivilgesellschaft gelingt es tatsächlich, jegliche Deportationen zu verhindern. Das diesem Phänomen zugrundeliegende massive menschliche Engagement zeichnet sich in einer umfassenden gesellschaftlichen Vielfalt aus: im Eingreifen von Vertretern des Parlaments, von Vertretern des Außenministeriums die nicht aufhören Transitvisen auszustellen, von der orthodoxen Kirche mit ihren großartigen Aktionen, von Schriftsteller-, Berufs- und Künstlerverbänden u.v.a.m. so auch in den Aktionen vieler oft in die Illegalität gedrängter Individuen, Parteien und anderer Institutionen. Wir finden in der gesamten Geschichte Europas nichts Vergleichbares und dies macht die Unsichtbarkeit dieses großartigen Kapitels aktiver und erfolgreicher Humanität im historischen Bewusstsein Europas so wenig nachvollziehbar und so schrecklich unangemessen.

 

Die geplante Ausstellung und das umfangreiche Begleitbuch „Vom Scheitern eines anberaumten Massenmordes – Bulgarien“ werden im Rahmen der Projektreihe „Topographien der Menschlichkeit“ realisiert. Diese Ausstellung, die dritte unserer Reihe, wird Ende 2017 fertig gestellt sein und von da an auch gebucht werden können.

 

Unsere Reihe soll die Fähigkeit und Möglichkeit des Menschen dokumentieren, sich auf die „richtige“ Seite zu stellen, die Seite der Geschwisterlichkeit aller Menschen. Auch im bulgarischen Fall werden vor allem die Menschen die dieses Rettungswerk möglich gemacht haben, in ihrer großen sozialen, politischen und religiösen Diversität in den Mittelpunkt unserer Darstellung gestellt. Zielgruppen unserer Arbeit sind alle Interessierten und Engagierten und jene, die es werden wollen, aber unser Fokus ist vor allem auch auf die demokratie-pädagogische Arbeit mit jungen Leuten in unserem Land gerichtet.

 

Dieses Teilprojekt wird von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert und wird 2017 zur Verfügung stehen.