Jenseits von Lampedusa – Willkommen in Kalabrien

 

Projekt einer Wanderausstellung mit Begleitkatalog

 

Der Schock der Massenflucht aus den Kriegsgebieten des vorderen und mittleren Orients hat die Relevanz der Flüchtlingsfrage noch einmal drastisch erhöht. Dies vor allem auch in Deutschland, wo sich die Regierung dem völkerrechtlich verbürgten Recht von Kriegsflüchtlingen nicht verschließen wollte, wie es einige andere europäischen Staaten zum Teil oder gänzlich tun und weiterhin tun wollen. Ihre europäischen Partner-Länder mit Mittelmeer-Zugang sind diesem Einwanderungsdruck seit ebenso langer Zeit ausgesetzt ohne wirklich solidarische Hilfe erhalten zu haben. Stattdessen hat man sich weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen nicht entgegengestellt, von proaktiven europäischen Kriegsbeteiligungen ganz abgesehen.

 

Italien ist schon seit langen Jahren Anlandegebiet dieser Flüchtlinge. Unsere Medien haben dies unter dem Label „Lampedusa“ firmieren lassen. Dieser Kontext betraf vor allem afrikanische Menschen (aber nicht nur), die sowohl Krieg und Bürgerkrieg, aber auch Menschen, die der Bedrohung ihres schieren Lebens oder aber eines lebenslangen materiellen Elends gegenüber standen.

Seit Jahren kommen nun diese Menschen in wackeligen Nussschalen über das Mittelmeer und wenn sie nicht bei ihrer Flucht oder der Überfahrt sterben, landen viele von ihnen auf italienischem Staatsgebiet. Während man fast überall in Italien Flüchtlinge und Asylsuchende, als Last ansieht und sie möglichst schnell loswerden will, drehte man diese Sichtweise in einer Reihe kleiner Gemeinden in Kalabrien um - unter ihnen und vorneweg Riace, eine kleine Gemeinde mit knapp 2000 Einwohnern an der Stiefelsohle von Italien. Diese Gemeinwesen haben gezeigt und zeigen immer noch, dass es auch anders geht. Sie tun dies seit fast zwanzig Jahren, haben daher wertvolle Erfahrungen einer langfristigen Bewältigung der Aufnahme von Flüchtlingen.

Der damalige Bürgermeister Badolatos, Gerardo Mannello und der Bürgermeister Riaces Domenico Lucano sahen 1999 in den 218 Kurden, die an dem Strand zwischen beiden Orten landeten, noch einen unerhofften Menschen-Reichtum. Die Dörfer, die ganze Gegend, entvölkerte sich immer mehr, vor allem in den alten Ortskernen standen die Häuser leer und schlossen die Läden. Selbst Grundschulen sollten verlegt werden, da es nicht genügend Kinder gab. Die Bürgermeister beschlossen, die Flüchtlinge für ihre Orte zu gewinnen.

Man begann mit ihnen gemeinsam die alten Häuser wieder herzurichten und dort sollten sie dann leben bis ihnen gegebenenfalls andere Optionen offen standen. Als Kooperativen eröffnete man einen Teil der alten Läden und Handwerksbetriebe wieder, wo die italienischen und die ausländischen Frauen sich gegenseitig verschiedene Formen von traditionellem Kunsthandwerk beibrachten. Nach wenigen Jahren konnten auch Schulen gerettet werden, die jetzt von Kindern ganz unterschiedlicher Herkunft besucht werden. Die eher spärlichen Mittel aus Brüssel wurden und werden klug für immer noch zu wenige, Sprach- und Integrationskurse eingesetzt. Eine besondere Schwierigkeit dieser Kurse besteht auch darin, dass man ja nicht weiß, in welchem Land man später landen wird und sich auch nicht spezifisch darauf vorbereiten kann. Dies gilt zumindest für die zu erlernende Sprache. Die Flüchtlingshilfsorganisation CIR, die ein ständiges Büro in Badolato unterhält, stellt Hilfe für orientierende, medizinische und juristische Beratung zur Verfügung.

 

Es leben bis heute viele Flüchtlinge in Riace, Badolato und umgebenden Dörfern, denn andere Orte rundum haben sich für den Erfolg dieses Modells interessiert und ihm nachgeeifert. Das hat zu lebendigeren Orten geführt, in denen man viel Wert auf Nachhaltigkeit und Kultur legt. Aber was so einfach und logisch klingt, musste und muss heute noch täglich gegen viel Widerstand, Anfeindungen, bürokratische Hindernisse und eine allgemeine Stimmung im Lande durchgesetzt werden, die eher ausländerfeindlich ist. Jahrelang wurde Italien auch von der Lega Nord regiert, die die Gleichung Flüchtlinge=Illegale=Moslems=Terroristen schürt und sich auch nicht zu schade ist, die schweren sozialen Verwerfungen im krisengeschüttelten Italien für das Aufhetzen der Armen gegen die noch Ärmeren politisch zu missbrauchen. Diese „Experimente“ für eine humanere Behandlung der Flüchtlinge und ihre Integration auch im eigenen Interesse wird auch von der kalabrischen Mafia Ndrangheta angefeindet und die Bürgermeister, die Flüchtlinge ansiedeln, werden bedroht und können sich oft nur mit Polizeischutz bewegen.

Natürlich kann man keine Wunder vollbringen, viele Flüchtlinge wollen/müssen weiterziehen zu Verwandten, Freunden in anderen Ländern Europas. Die kalabrischen Einheimischen sind selbst vielfältiger Armut und Arbeitslosigkeit ausgesetzt, zu Recht fühlen sie sich von Italien und Europa im Stich gelassen. Ihre moralische Festigkeit ist jedoch beeindruckend: sie fordern zwar Unterstützung für sich ein, aber verbinden dies nicht mit Hetze gegen die noch Schwächeren, die Flüchtlinge. Sie begegnen dem Fremden mit Gastfreundschaft und Empathie und der meist zu hörende Spruch ist: „Wir hier wissen sehr genau, was Emigration bedeutet“.

Aus den Trümmern ihrer Biographien erneut an neuen Orten so etwas wie Zugehörigkeit aufbauen zu können, das erhoffen die Flüchtlinge. Diese besonders verwundbaren Menschen erleben aber später zumeist einen ganz anderen Empfang als jenen, den sie in Riace und einigen anderen kalabrischen Orten erleben durften, auch wenn gerade in Deutschland und Oesterreich im vergangenen Jahr die Zivilgesellschaft mit vielen vielen Beispielen freundlicher und praktischer Willkommenskultur sich große Verdienste erworben hat. Die kalabrischen und alle anderen Beispiele gelebter Humanität lassen die aufgenommenen Menschen in besonderer Dankbarkeit den Kontakt zu diesen Orten halten, Orte die ihnen ihr Bild eines gütigen und gerechten Europa nicht zerschlagen haben.

Auch wenn die Träume einer dauerhaften Ansiedlung einer großen Zahl neuer Einwohner an vielen Hindernissen zerbrechen, eine nachhaltige Belebung der Orte Kalabriens und ihrer Umgebung lässt sich doch feststellen: so, wie man zur Saison immer wieder Touristen freudig aufnimmt, so nimmt man auch diese neuartigen Nomaden auf, bringt ihnen einen ebenso natürlichen Respekt entgegen wie allen anderen Besuchern auch. So trägt man mutig und entschlossen zu dem größten und wertvollsten Reichtum Europas bei: gelebte Humanität.

Die vor Ort erlebbare Gelassenheit und Offenheit der Menschen, Einheimische wie Gäste - wie man dort die Flüchtlinge nennt -, all das spricht aus einer ungebrochen gebliebenen Kultur des selbstverständlichen Umgangs mit dem Fremden.

 

Fotos: Wolfgang Hermann

 


Mit dieser Ausstellung möchte unser Verein „Courage gegen Fremdenhass e.V. in Rahmen seiner Reihe „Topographien der Menschlichkeit“ zeigen, dass ein anderer Umgang mit der „Flüchtlingsproblematik“ möglich ist und für Alle Vorteile bringen kann. Was hat Riace aus seiner Vergangenheit mitgebracht, um diese Aufgabe zu bewältigen und wie hat sie letztlich die Gemeinschaft verändert? Ist dieses Experiment auch auf einen größeren Rahmen übertragbar und was kann man eventuell auch in Deutschland davon lernen? Die Ausstellung möchte das „Versuchslabor Riace“ darstellen und versuche, auf diese und weitere Fragen eine Antwort zu geben.

Courage gegen Fremdenhass e.V. / Anna Tüne / tuenefi@web.de / tel. 0049 – 30 – 7022 0576 / Weitere Hintergrund-Informationen zum Gesamtprojekt unter www.topographiendermenschlichkeit.de