Anna Tüne

Warum Rettungswiderstand?

 

Andrej Rubljow ist der berühmteste Ikonenmaler Russlands. Er lebte in der Zeit des Umbruchs zwischen Mittelalter und Neuzeit, und seine Bilder gestalteten und repräsentierten die Entwicklung eines neuen Menschenbildes mit. Der große sowjetische Filmregisseur Andrei Tarkowski hat Rubljow einen tief beeindruckenden Spielfilm gewidmet. Dieser enthält eine unvergessliche Szene: Es geht um einen Auftrag, die Wände einer Kirche mit einigen Szenen des Letzten Gerichts zu schmücken. Andrej Rubljow verweigert seit Wochen die Arbeit daran. In der grandiosen Landschaft eines himmelweit sich erstreckenden blühenden Rapsfeldes, streitet er mit seinem Freund und Kollegen Danila:

 

 

 Danila: Das letzte Gericht! Nun fang endlich an zu malen! Ganz vorne rechts sehe ich sie doch schon, die Verdammten, wie sie brüllen in dem siedenden Pech! Und gleich vor mir sehe ich, wie der Teufel sein wird … mit rauchendem Maul, mit stechendem Blick …

 

Andrej: Darum geht es doch nicht …

 

Danila: Also, warum beginnst du denn nicht zu malen?

 

Andrej: Weil ich es nicht kann! Ich will dies nicht mehr malen! Versteh mich doch, Danila, ich will die Menschen nicht mehr in Angst versetzen! Versteh mich doch, Danila!

 

 

Diese Szene lässt alle Probleme einer Annäherung an die Darstellung von Geschichte konvergieren, die Shoah ebenso wie alle anderen Menschheitsschrecken betreffend. Trotz des unbestritten notwendigen Respekts vor der wissenschaftlichen Pflichtenlehre der Geschichtsschreibung bleibt die fundamentale Frage ihrer Darstellung doch: welches Menschen- und Menschheitsbild liegen diesen Darstellungen zugrunde? Die Repräsentation von Geschichte fußt notwendigerweise immer auch auf einer ethischen Positionsbestimmung.

Andrej Rubljow und in seiner Nachfolge Andrei Tarkowski haben ihr/unser Problem auf der Ebene der Ikone, des Bildes, auf ihre Weise gelöst:

 

Am Ende des Filmes wandert ein langer Blick über das Angesicht des Christus, einer der sublimsten Ikonen Rubljows entnommen. Anfangs sehen wir ein einzelnes Auge des Menschensohns. Darin ist seine furchtbare Kenntnis der Ewigkeiten menschlicher Qual eingeschrieben. Dann erblicken wir das zuweite Auge. Dort leuchtet ein unendliches Erbarmen. Die Kamera nimmt nun Distanz auf und öffnet sich auf das gesamte große Angesicht, und wir sehen, wie die einzelnen Elemente sich verbinden zu einem Ausdruck tiefster, fast heiterer Entrückung. Das Bild weitet sich erneut, und rund um die zentralen Menschensohn-Figur entfaltet sich eine überwältigende Fülle an Schönheit und Sonne, an Farben, Tieren und Pflanzen, an Menschen, ernst oder heiter, fleißig oder in stiller Betrachtung versunken. Hier gibt es keinerlei Apotheose des Todes, der Hölle und der Folter.

 

Inmitten der Höllen des 20. Jahrhunderts könnte die Geschichte Dieulefits – neben jener vieler anderer Orte – die Bedeutung bekommen, welche die Ikonen Andrej Rubljows unter der meisten anderen Ikonen einnehmen: sie erlauben einen helleren Blick auf die „Condition Humaine“. In Dieulefit begegnet uns eine Geschichte humanen Erfolges, eine Geschichte menschlichen Mutes und Erbarmens, kaltblütiger Gelassenheit und großer Intelligenz. Wir können nicht und wir wollen nicht den finsteren Hintergrund, die furchtbare Schwärze von Auschwitz verbergen. Vor der übermächtigen Leinwand der historischen und aktuellen Schrecken kann man aber Geschichte, so wie sie in Dieulefit stattfand, in ihrem Licht und ihrer Klarheit aufstellen. Es ist nur eine der vielen wunderbaren Geschichten einer Errettung der Menschlichkeit und damit auch der Errettung eines humanen Menschenbildes als solchen.

 

Dies ins kulturelle Menschheitserbe zu verankern, ist Ziel und Motivation der Ausstellungsreihe Topographien der Menschlichkeit. Das bedeutet auch, gegen einen in Jahrzehnten gewachsenen Realismusbegriff zu löcken, der den Begriff Realität ausschließlich negativ und antihuman konnotiert. Im Rahmen dieses Projektes soll das „Gute“ in der Geschichte ermittelt werden. Es sollte die Suche nach Best-Practice-Beispielen, die selbstverständlich in allen Belangen zeitgenössischer Politik und Wissenschaft unserer Arbeit zugrunde liegt, ebenso selbstverständlich in die historische Forschung und in die Geschichtsdarstellung eingehen.

 

Es geht auch um Vertrauensbildung, Vertrauen darein, dass wir Menschen die Möglichkeit und die Fähigkeit hatten und haben, auch menschlich zu handeln.